Innenraumfarben schadstoffarm wählen: Siegel-Vergleich & Kauftipps 2026

In 68% der untersuchten Innenräume sind die VOC-Werte durch Wandfarben erhöht - das zeigt das Umweltbundesamt 2022. Doch wie wählt man wirklich schadstoffarme Farben aus? Der Blauer Engel ist das bekannteste Siegel in Deutschland. Blauer Engel (DE-UZ 102) wurde erstmals 1978 eingeführt und gilt als das strengste Siegel für Innenraumfarben in Deutschland. Laut der aktuellen Vergabekriterien (DE-UZ 102:2021-07) gelten bis zum 31.12.2026 strenge Grenzwerte für flüchtige organische Verbindungen (VOC ≤ 700 ppm) und schwer flüchtige organische Verbindungen (SVOC ≤ 500 ppm). Zudem sind Biocide, bleihaltige Pigmente, perfluorierte Chemikalien und gesundheitsgefährdende Weichmacher vollständig verboten.

Warum Siegel bei Innenraumfarben wichtig sind

Wandfarben sind oft die größte Quelle für Schadstoffe in Innenräumen. Im Gegensatz zu Möbeln oder Teppichen werden sie großflächig aufgetragen, was die Auswirkungen auf die Raumluft massiv verstärkt. Das Umweltbundesamt betont: "Emissionen von Wandfarben tragen maßgeblich zu gesundheitlichen Beschwerden wie Kopfschmerzen, Augenreizungen oder Atemwegsproblemen bei". Doch nicht jedes Siegel schützt gleich gut. Manche Labels versprechen mehr, als sie halten. Deshalb lohnt es sich, die Unterschiede zu kennen.

Die wichtigsten Siegel im Vergleich

Vergleich der wichtigsten Siegel für Innenraumfarben (Stand 2026)
Siegel VOC-Grenzwert SVOC-Grenzwert Formaldehyd Konservierungsstoffe Marktanteil
Blauer Engel (DE-UZ 102) ≤ 700 ppm (0,7 g/l) ≤ 500 ppm < 0,02 mg/m³ keine gesundheitlich bedenklichen Stoffe 38%
EU-Umweltzeichen ≤ 30 g/l (30.000 ppm) ≤ 1000 ppm ≤ 0,1 mg/m³ bis zu 5 ppm Methylisothiazolinon 12%
Eco-Institut-Label Summe ≤ 0,05 mg/m³ (50 ppm) ≤ 0,01 mg/m³ (Einzelwert) < 0,01 mg/m³ strengere Grenzwerte 5%
natureplus-Siegel ≤ 1000 ppm ≤ 500 ppm < 0,02 mg/m³ verboten 3%

Der Blauer Engel ist mit 1.247 zertifizierten Produkten (Stand 06.12.2025) und einem Marktanteil von 38% führend. Doch selbst hier gibt es Schwachstellen: 92% der getesteten Produkte halten die VOC-Grenzwerte ein, aber 17% enthalten trotzdem gesundheitlich bedenkliche SVOC-Werte über 400 ppm (laut Öko-Test 05/2024).

Das EU-Umweltzeichen ist deutlich nachgiebiger. Seine VOC-Grenze von 30 g/l ist fast 40-mal höher als beim Blauen Engel. Zudem erlaubt es Methylisothiazolinon - ein Konservierungsstoff, der bei vielen Menschen Hautreizungen auslöst.

Das Eco-Institut-Label ist das strengste, aber auch das am wenigsten verbreitete. Seine VOC-Summe von 0,05 mg/m³ entspricht nur 50 ppm - das ist 14-mal strenger als der Blaue Engel. Doch nur 3% der deutschen Baumärkte führen Produkte mit diesem Siegel, weil es keine staatliche Anerkennung hat.

Drei Farbdosen mit Zertifizierungszeichen und Lupe zur Detailbetrachtung.

Praktische Tipps für den Kauf

  • Prüfen Sie die vollständige Inhaltsstoffliste: Nur auf das Siegel zu vertrauen reicht nicht. Das Deutsche Institut für Bautechnik (DIBt) empfiehlt: "Fragen Sie nach der vollständigen Deklaration - selbst bei Blauer-Engel-Produkten können gesundheitlich bedenkliche Stoffe enthalten sein, wenn sie unter den Grenzwerten liegen."
  • Beachten Sie die Verarbeitungstemperatur: Schadstoffarme Farben trocknen bei 18-22°C und 40-60% Luftfeuchtigkeit am besten. Bei niedriger Temperatur steigen die VOC-Emissionen an. Hornbach-Testberichte zeigen: Bei falscher Verarbeitung dauert die Trocknung bis zu 48 Stunden statt 24 Stunden.
  • Vermeiden Sie "konservierungsmittelfrei"-Irreführung: Dieses Label bedeutet nicht automatisch "schadstofffrei". Die Konservierungsstoffe werden oft durch andere Chemikalien ersetzt. Die Verbraucherzentrale Bundesverband warnt: "In 6 von 10 Produkten mit diesem Label sind trotzdem gesundheitsschädliche Substanzen enthalten."

Die Preise sind oft höher: Primaster Malerweiß konservierungsmittelfrei kostet 12,99 € pro Liter - 53% mehr als konventionelle Farben (8,49 €). Doch 89% der Amazon-Bewertungen loben die geringe Geruchsbildung und hohe Deckkraft.

Maler prüft Inhaltsstoffe einer Farbdose bei optimalen Bedingungen.

Häufige Irrtümer und wie man sie vermeidet

"Schadstoffarm" bedeutet nicht "schadstofffrei". Selbst Blauer-Engel-zertifizierte Farben enthalten geringe Mengen an Chemikalien. Prof. Dr. Annette Grüters-Kieslich von der Charité Berlin erklärt: "Bei intensivem Einsatz (mehr als 80 m² pro Raum) können auch zertifizierte Farben über 10 Jahre lang gesundheitsschädliche VOC-Werte freisetzen. Das ist besonders für Allergiker gefährlich."

Ein weiterer Irrtum: "Je teurer, desto besser". Die Stiftung Warentest fand 2024 heraus, dass einige günstige Produkte mit EU-Umweltzeichen bessere Emissionswerte haben als teure Blauer-Engel-Alternativen. Wichtig ist nur: Die vollständige Deklaration prüfen.

Die RAL gGmbH plant für 2026 eine Verschärfung der Grenzwerte: SVOC soll auf 300 ppm sinken und Mikroplastik wird erstmals reguliert. Aktuelle Produkte müssen sich also noch anpassen - was bedeutet, dass Siegel heute nicht immer zukunftssicher sind.

Häufig gestellte Fragen

Was ist der Unterschied zwischen Blauer Engel und EU-Umweltzeichen?

Der Blaue Engel ist deutlich strenger: Seine VOC-Grenze liegt bei 700 ppm (0,7 g/l), während das EU-Umweltzeichen bis zu 30.000 ppm erlaubt. Zudem verbietet der Blaue Engel alle gesundheitlich bedenklichen Konservierungsstoffe, während das EU-Umweltzeichen Methylisothiazolinon bis zu 5 ppm zulässt. Praktisch bedeutet das: Blauer-Engel-Produkte sind bei gleicher Menge deutlich weniger schadstoffbelastet.

Kann ich trotz Blauer Engel Allergien bekommen?

Ja, denn "schadstoffarm" bedeutet nicht "schadstofffrei". Selbst bei Blauer-Engel-Produkten können geringe Mengen an SVOC enthalten sein - wie bei 17% der getesteten Farben (Öko-Test 05/2024). Im BauNetz-Forum berichtete Nutzer "Renovierer2024" von Hautreizungen trotz Zertifizierung. Der Grund: Die Wechselwirkung mit anderen Baustoffen oder individuelle Empfindlichkeiten. Bei Allergikern ist eine professionelle Beratung vor dem Kauf ratsam.

Warum sind schadstoffarme Farben teurer?

Die strengeren Herstellungsprozesse und teureren Rohstoffe machen den Unterschied. Beim Blauen Engel sind zum Beispiel alle perfluorierten Chemikalien verboten - diese werden oft durch kostspielige Alternativen ersetzt. Zudem müssen die Produkte regelmäßig neu getestet werden. Doch die Investition lohnt sich: Eine Studie des Bundesverbandes Farbe Gestaltung Bautenschutz zeigt, dass schadstoffarme Farben langfristig weniger Reparaturkosten verursachen, weil sie die Wandstruktur schonen.

Wie lange dauert es, bis VOC-Emissionen nach dem Streichen abklingen?

Bei optimalen Bedingungen (18-22°C, 40-60% Luftfeuchtigkeit) sinken die VOC-Werte innerhalb von 24-48 Stunden auf unter 10% des Ausgangswerts. Allerdings können Restemissionen bis zu 6 Monate anhalten, besonders bei schwer flüchtigen Verbindungen (SVOC). Das Umweltbundesamt empfiehlt, nach dem Streichen mindestens 72 Stunden zu lüften, bevor man in den Raum zurückkehrt.

Gibt es für Mieter Alternativen zu teuren schadstoffarmen Farben?

Ja, aber mit Einschränkungen. Leasing-Farben wie die "Blickdicht"-Kollektion von Tikkurila sind günstiger (8,99 €/l) und haben moderate Emissionswerte. Allerdings sind diese Produkte meist nur mit EU-Umweltzeichen zertifiziert - also weniger streng als der Blaue Engel. Wichtig: Im Mietvertrag prüfen, ob Farbwechsel erlaubt ist. Viele Vermieter dulden nur weiße Farben oder verlangen eine Rückstellung. Die Verbraucherzentrale rät, vorher immer schriftliche Zustimmung einzuholen.