Stellen Sie sich vor, in Ihrem Keller lauert ein unsichtbarer Feind. Er hat keinen Geruch, keine Farbe und macht absolut kein Geräusch. Doch er ist radioaktiv und kann Ihre Lunge schädigen. Dieser Feind heißt Radon. Radon ist ein natürlich vorkommendes Edelgas, das beim Zerfall von Uran im Untergrund entsteht und über Risse und Fugen in Gebäude eindringt. Viele Hausbesitzer ignorieren dieses Risiko, weil es nicht spürbar ist. Aber die Zahlen sind alarmierend: Nach Schätzungen des Bundesamts für Strahlenschutz (BfS) verursachen Radonbelastungen in Innenräumen jährlich etwa 1.900 Fälle von Lungenkrebs in Deutschland. Das ist fast so viel wie durch Verkehrsunfälle getötete Menschen pro Jahr. Der Schutz beginnt mit einem einzigen Schritt: der Messung.
In diesem Artikel zeige ich Ihnen, wie Sie die Radonkonzentration in Ihrem Keller richtig erfassen, welche Werte kritisch sind und welche Maßnahmen wirklich funktionieren - ohne Ihr Budget zu sprengen.
Warum Radon im Keller besonders gefährlich ist
Radon-222 entsteht überall dort, wo Uran im Boden enthalten ist. In Deutschland gibt es kaum Regionen ohne jegliches Radonpotenzial, aber Gebiete wie das Erzgebirge, der Bayerische Wald oder Teile des Schwarzwalds haben deutlich höhere Konzentrationen. Das Gas steigt aus dem Erdreich auf und sucht sich den Weg des geringsten Widerstands ins Haus hinein. Oft sind das kleine Haarrisse in der Bodenplatte, undichte Stellen an Rohrleitungen oder Kabeldurchführungen.
Warum gerade der Keller? Weil er direkt am Boden liegt und oft weniger belüftet wird als Wohnräume oben. Wenn Sie Ihren Keller nur als Lager nutzen, scheint das Risiko gering. Aber Radon ist leichter als Luft? Nein, es ist schwerer. Es sammelt sich jedoch trotzdem nach oben hin an, wenn es einmal im Haus ist. Über Treppenhäuser, Lüftungsschächte und Ritzen unter Türen dringt das Gas in das Erdgeschoss und die oberen Stockwerke vor. Wer also im Keller hobbymäßig arbeitet, Sport treibt oder sogar schläft, ist der höchsten Belastung ausgesetzt.
Die gesundheitliche Gefahr liegt in den Zerfallsprodukten. Radon selbst zerfällt zu kurzlebigen Teilchen wie Polonium-218 und Blei-214. Diese heften sich an Staubpartikel in der Luft. Atmen Sie diese ein, lagern sie sich in Ihren Bronchien ab. Dort geben sie Alphastrahlung ab, die die DNA Ihrer Zellen schädigen kann. Langfristig führt dies zu Mutationen und im schlimmsten Fall zu Lungenkrebs. Die Internationale Agentur für Krebsforschung (IARC) stuft Radon seit 1988 als krebserregend der Gruppe 1 ein - genau wie Tabakrauch.
Messen statt raten: So bestimmen Sie Ihre Radonbelastung
Sie können Radon nicht riechen oder sehen. Ein einziger Test liefert Sicherheit. In Deutschland gilt seit dem Strahlenschutzgesetz (StrlSchG) von 2018 ein gesetzlicher Referenzwert von 300 Becquerel pro Kubikmeter (Bq/m³). Wichtig: Dies ist kein Grenzwert, hinter dem man sicher ist. Es ist ein Auslösewert. Ab dieser Konzentration müssen Maßnahmen ergriffen werden. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt sogar einen strengeren Wert von 100 Bq/m³.
Welches Messgerät wählen Sie?
- Passive Kernspur-Dosimeter (Exposimeter): Dies ist der Goldstandard für eine erste Einschätzung. Es handelt sich um kleine Kunststoffdosen, die Sie für mindestens zwei bis drei Monate im Keller platzieren. Sie registrieren Alphaspuren, die von den Radonzerfällen hinterlassen werden. Am Ende schicken Sie die Dosen an ein akkreditiertes Labor zur Auswertung. Diese Methode ist kostengünstig (oft zwischen 30 und 60 Euro inkl. Versand) und sehr zuverlässig.
- Aktive elektronische Messgeräte: Geräte wie die von Airthings oder air-Q zeigen live die Konzentration an einem Display oder per App an. Sie eignen sich hervorragend, um Schwankungen im Tagesverlauf zu beobachten oder den Erfolg einer Sanierung sofort zu prüfen. Für eine rechtssichere Langzeitbewertung sind sie jedoch oft teurer und benötigen regelmäßige Kalibrierungen.
Wo platzieren Sie das Messgerät? Nicht neben dem Fenster, nicht direkt am Heizkörper und nicht in einer Ecke, in der nie jemand hingeht. Platzieren Sie das Dosimeter in der Mitte eines Raumes, in Atemhöhe (ca. 1,5 Meter über dem Boden). Lassen Sie das Gerät dort ungestört. Lüften Sie den Raum normal weiter, aber öffnen Sie keine Fenster dauerhaft während der Messphase, da dies die Ergebnisse verfälscht. Die beste Zeit für eine Messung ist die Heizperiode (Oktober bis April), da dann die Häuser dichter geschlossen sind und die Radonwerte typischerweise höher liegen.
Interpretation der Messwerte: Was bedeuten die Zahlen?
Nach Erhalt Ihres Messberichts stehen Sie vor einer Zahl. Was bedeutet sie für Sie?
| Radonkonzentration (Bq/m³) | Bewertung | Empfohlene Maßnahmen |
|---|---|---|
| < 100 | Geringes Risiko | Kein direkter Handlungsbedarf. Präventives Lüften reicht. |
| 100 - 300 | Mittleres Risiko | Einfache Maßnahmen: Regelmäßiges Stoßlüften, Abdichten kleiner Risse. |
| 300 - 1.000 | Kritisch | Bauliche Maßnahmen erforderlich: Professionelle Abdichtung, ggf. Lüftungsanlage. |
| > 1.000 | Hochriskant | Dringende Sanierung: Aktive Bodenluftabsaugung (Radonbrunnen) + Abdichtung. |
Denken Sie daran: Jeder Schritt nach unten senkt Ihr Risiko. Selbst eine Reduktion von 300 auf 150 Bq/m³ halbiert die zusätzliche Strahlenbelastung. Studien zeigen, dass das Lungenkrebsrisiko linear mit der Konzentration steigt. Pro 100 Bq/m³ erhöht sich das Risiko um etwa 8 bis 16 Prozent. Für Nichtraucher ist Radon die zweithäufigste Ursache für Lungenkrebs, nach dem aktiven Rauchen.
Praktische Maßnahmen zur Radonreduktion im Keller
Ist der Wert zu hoch, müssen Sie handeln. Glücklicherweise gibt es bewährte Methoden, die effektiv und oft auch bezahlbar sind.
1. Intensives Stoßlüften
Das einfachste Mittel ist die Belüftung. Öffnen Sie Kellertüren und -fenster mehrmals täglich für fünf bis zehn Minuten komplett. Dadurch wird die radonhaltige Luft gegen frische Außenluft ausgetauscht. Dauerlüften über gekippte Fenster ist ineffizient und kühlt die Wände unnötig aus, was zu Schimmel führen kann. Stoßlüften senkt die Werte bei moderater Belastung oft signifikant.
2. Abdichten von Eintrittspfaden
Radon kommt durch Risse herein. Versiegeln Sie daher alle sichtbaren Risse in der Bodenplatte und an den Wandfußbereichen. Nutzen Sie dafür dauerelastische Dichtmassen oder spezielle Radondichtbahnen. Auch Durchführungen für Wasserrohre, Stromkabel und Abflüsse müssen luftdicht verschlossen werden. Hier helfen Silikonmanschetten oder Injektionsharze. Eine professionelle Kellerabdichtung von innen mit Bitumenbahnen oder polymerbasierten Systemen (wie RESITRIX®) schafft eine zusätzliche Barriere.
3. Mechanische Lüftung mit Wärmerückgewinnung
Für dicht gebaute Häuser oder Kellerräume, die häufig genutzt werden, ist eine kontrollierte Wohnraumlüftung (KWL) eine gute Lösung. Sie führt ständig Frischluft zu und saugt verbrauchte Luft ab. Moderne Systeme mit Wärmerückgewinnung halten dabei Energieverluste gering. In einigen Fällen konnte so die Radonkonzentration von über 500 Bq/m³ auf unter 200 Bq/m³ gesenkt werden.
4. Aktive Bodenluftabsaugung (Radonbrunnen)
Bei sehr hohen Werten (über 1.000 Bq/m³) oder wenn andere Maßnahmen scheitern, ist die aktive Unterbodenbelüftung die effektivste Lösung. Dabei wird unter der Bodenplatte eine Drainageschicht (Kies) angelegt, in die ein Rohr eingeführt wird. Ein Ventilator erzeugt Unterdruck und saugt die radonhaltige Bodenluft ab, bevor sie ins Haus gelangt. Das Gas wird über das Dach ins Freie geleitet. Dieses Verfahren reduziert die Belastung um bis zu 90 Prozent. Es erfordert jedoch Bauarbeiten und sollte von Fachfirmen geplant werden.
Radonschutz beim Neubau und bei Sanierungen
Wenn Sie neu bauen oder Ihren Keller grundlegend sanieren, ist jetzt der richtige Zeitpunkt, Radonschutz in die Planung einzubeziehen. Die Norm DIN/TS 18117 beschreibt Maßnahmen für den Radonschutz bei Gebäuden. Dazu gehören:
- Verlegung einer radondichten Folie unter der Bodenplatte.
- Anlage einer Kiesdrainageschicht unter dem Estrich.
- Vorbereitung von Anschlüssen für ein späteres Absaugsystem (so genannte „Radonvorbereitung").
- Verwendung von radongedrosselten Baustoffen, falls das lokale Gestein stark belastet ist.
Diese Maßnahmen verursachen im Neubau nur geringe Mehrkosten (oft weniger als 1 % der Gesamtkosten), machen aber nachträgliche, teure Sanierungen überflüssig. Prüfen Sie vor Baubeginn, ob Ihr Grundstück in einem Radonvorsorgegebiet liegt. Die Karten dazu finden Sie auf den Webseiten der Landesumweltämter oder beim BfS.
Häufige Fragen zum Thema Radon
Muss ich Radon im Keller zwingend messen lassen?
Für private Wohnräume besteht in Deutschland keine gesetzliche Messpflicht. Allerdings sind Arbeitgeber verpflichtet, Arbeitsplätze in Radonvorsorgegebieten zu messen. Da Radon unsichtbar ist und schwerwiegende Gesundheitsfolgen haben kann, empfehlen alle Experten eine freiwillige Messung, insbesondere wenn Sie in einem betroffenen Gebiet wohnen oder Ihr Haus älter als 30 Jahre ist.
Wie lange dauert eine Radonmessung?
Eine zuverlässige Langzeitmessung mit passiven Dosimetern sollte mindestens zwei bis drei Monate dauern, idealerweise während der Heizperiode (Oktober bis April). Kurzzeitmessungen von wenigen Tagen sind nur für grobe Orientierungen geeignet, da die Radonkonzentration stark vom Wetter und Lüftungsverhalten abhängt.
Was kostet eine Radonmessung?
Passive Dosimeter kosten in der Regel zwischen 30 und 60 Euro pro Stück, inklusive Versand und Laborauswertung. Elektronische Messgeräte können je nach Modell zwischen 100 und 300 Euro kosten, bieten aber Echtzeitdaten.
Senkt Lüften die Radonwerte nachhaltig?
Ja, regelmäßiges Stoßlüften kann die Radonkonzentration deutlich senken, besonders bei Werten unter 300 Bq/m³. Bei sehr hohen Belastungen (> 600 Bq/m³) reicht Lüften allein oft nicht aus, da das Gas schneller nachströmt, als es entweichen kann. Hier sind bauliche Maßnahmen wie Abdichten oder Absaugen notwendig.
Ist Radon nur im Keller ein Problem?
Nein. Zwar entstehen die höchsten Konzentrationen meist im Keller, aber Radon verteilt sich durch Türspalte, Treppenhäuser und Lüftungskanäle auch in die oberen Stockwerke. Daher sollten auch Erdgeschosswohnungen gemessen werden, insbesondere wenn sie direkten Kontakt zum Erdreich haben.
Wie oft sollte man Radon messen?
Experten empfehlen, die Radonbelastung alle zwei bis fünf Jahre neu zu messen. Gründe dafür sind Änderungen im Lüftungsverhalten, Renovierungsmaßnahmen oder Verschiebungen im Boden, die neue Eintrittspfade öffnen können.